Neustart: Germans Cycles macht dicht

Einige von Euch werden es schon über Phaty mitbekommen haben, dass Rahmenbau- und MTB-Urgestein German Möhren aka Germans Cycles in Heidelberg nach 25 Jahren Ende Juli die Tore schließen wird. Die Gründe lassen sich auf seiner Website nachlesen und ich möchte dem auch nur eine Handvoll persönlicher Anmerkungen hinzufügen:

Ich bin German selbst nur ein Mal zufällig für ca. eine Minute auf der Eurobike 2010 begegnet, woran er sich bestimmt nicht erinnert und auch sonst muss ich gestehen, dass ich mich relativ wenig mit ihm und seiner Marke beschäftigt habe.

Ich erinnere mich an die private Trekkingbike-Recherche vor ca. 18 Jahren, bei der ein Germans in die engere Wahl gekommen war und die letztendlich doch zum Nöll T3 geführt hat. Aber irgendwie war es das auch außer gelegentlichen Besuchen seiner Website.

Das ärgert mich jetzt ein wenig, da ich im Grunde mehr von echter Produkt-Qualität halte, als von schreiender öffentlicher Inszenierung, die manche aktuellen Bike-Marken auszeichnet. Und vielleicht genügt es heute einfach nicht mehr, hervorragende Qualität zu liefern, auf diese Inszenierung aber zu verzichten, wenn über das Web weltweit alles vergleichbar ist und man sich irgendwie aus der Masse (gerade auch der Billiganbieter) hervorheben muss. Aber hinterher ist man bekanntlich immer schlauer.

Die Gründe, die er für seine Geschäftsaufgabe nennt, gehen natürlich über die Bike-Szene hinaus: es ist heute schlicht und einfach normal, dass man sich als Kunde im Fachgeschäft informiert und beraten lässt und mit diesem Wissensstand dann ein (Konkurrenz-)Produkt im Web günstiger kauft. Diese Entwicklung ist traurig, bedeutet in vielen Fällen das Aus des Einzelhandels und lässt sich kaum zurückdrehen, gerade auch in Zeiten, in denen Maßrahmen aus den USA oder Japan einfach cooler sind als die vom heimischen Rahmenbauer.

Das soll keine Globalisierungskritik sein. Ich mag die Vielfalt und auch das Stahlrahmen-Blog ist eine Plattform, über die man diese Vielfalt erleben kann und soll. Und das Web bietet gerade auch kleinen Bike-Unternehmen mit reinem Online-Verkauf die Chance, weltweit Fuß zu fassen. Aber die Vielfalt hat Konsequenzen, wenn sich immer mehr Unternehmen einen nur langsam wachsenden Kuchen teilen müssen. Und wenn die persönliche Beratung vom Experten mehr und mehr durch Facebook-Likes und Produktbewertungen im Web ersetzt wird.

Unternehmensberater würden jetzt sicher den betriebswirtschaftlichen “Fehlern” von Germans Cycles auf den Grund gehen wollen. Aber der Punkt ist doch, ob man sich diesen neuen Spielregeln des Marktes unterwerfen will. Ist es erstrebenswert, sein Unternehmen UM JEDEN PREIS am Leben zu erhalten? Anders gesagt: es ist nicht nur eine wirtschaftliche Entscheidung, sein Geschäft aufzugeben, sondern auch eine persönliche, wenn das Umfeld einfach nicht mehr zur eigenen Einstellung passt. Und das hat German Möhren – wie er selbst sagt – getan. Chapeau …!

Übrigens betrachte ich den derzeit laufenden Ausverkauf von Lagerbeständen nicht als Begräbnis, sondern vielmehr als Chance, ein wenig vom eingesetzten Kapital zurückzubekommen, um den Neustart wagen zu können.

In diesem Sinne: HINGEHEN UND KAUFEN! Denn die Beratungs- und Produktqualität stimmt hier mit Sicherheit bis zum Schluss.

0 Kommentare zu “Neustart: Germans Cycles macht dicht

  • Christian sagt:

    Ich würde gerne auf deinen Kommentar hinsichtlich der Beratung und dem Webkauf eingehen. Ich bin ein sehr großer Freund und Stammkunde von lokalen, kleinen Fahrradläden, die allein durch ihre “Kleine” mehr als Sympathie erwecken. Doch was ich momentan da feststellen muss, ist, dass diese Beratung von der du sprichst in dem Bereich, wo wirklich die kaufkräftige Kundschaft ist (High End Bereich, Radrennsport (MTB, Straße), ganz einfach fehlt. Wenn ich in einen Laden gehe und sage, dass ich für mein Rennrad eine kriteriumsfähige Kette brauche, die ich über mehr als ein bis zwei Rennen fahren kann, bekomm ich meistens fragende und ratlose Blicke zu sehen, was letztlich dazu führt, dass ich der Höflichkeit wegen mir mit ihm zusammen den Katalog anschaue und dann mit ein bisschen Enttäuschung doch wieder im Internet alle Details selbst zusammensuchen muss und dann Kaufe ich natürlich die Billigste. Das ist jetzt nur ein Beispiel, also bitte nicht an der Kette aufhängen ;) .

    Das Problem ist also entweder sind die Fahrradläden so auf die Trekking-Schwunglenker-Rentner konditioniert, dass sie mich gar nicht bedienen können und dann gibt es einen ganz großen Mangel an Spezialfahrradläden. Oder es ist ihnen quasi egal, wo ich mit meiner Kaufkraft hingehe, weil ihnen der Aufwand mich zu beraten nicht mehr so viel bringt, weil die Produktmargen so klein sind, dass sie mindestens 30% Aufschlag verlangen müssten, damit sich die Beratung lohnt. Wobei ich ehrlich gesagt, bereit wäre die 30% und mehr zu zahlen, wenn sich die Beratung tatsächlich lohnt.

  • Hey Christian,
    klar kann man nicht alles über einen Kamm scheren á la “alle Bike-Shops bieten kompetente Beratung”. Im Gegenteil: die meisten Läden mit Mainstream-Produkten sind eh schon teurer als Web-Shops und müssen Masse verkaufen, um überhaupt was zu verdienen. Lange Beratungsgespräche sind da nicht gefragt. Und Spezialgeschäfte, in denen man sich die Zeit nimmt, gibt es wirklich immer weniger. Die Zeiten und das Kaufverhalten der Leute ändern sich einfach. Läden wie Stilrad in München oder Two Wheels Good in Hamburg zeigen auch, dass die Inszenierung immer wichtiger wird. Aber als bewusster Konsument kann man zumindest versuchen, die kleinen Läden am Leben zu halten. Niemand zwingt einen, im Web zu kaufen.

    In diesem Sinne: Support your local dealer … and framebuilder!

    Viele Grüße
    Iwo

  • Als stiller Leser und Genießer deines hervorragenden Blogs möchte ich dich fragen, warum du German kaum wahrgenommen hast?

    Natürlich ändert sich das Kauf- bzw. Konsumverhalten und als Folge verändern sich auch die Absatzmärkte bzw. deren Selbstdarstellung. Die gerne gebrauchte Ausrede des stationären Einzelhandels, dass er das Maß der Kompetenz ist und deshalb als Informations- und Inspirationspool missbraucht wird, halte ich für eine verblendete Sichtweise.
    Vielmehr sehe ich hier als Grund für die Unwirtschaftlichkeit und deren betriebswirtschaftlicher Konsequenz: das stetige (zugegebene und nachzulesende) Misstrauen gegenüber potenziellen Kunden sowie der Verweigerung von persönlicher Veränderung oder Anpassung an Kundenwünsche bei gleichzeitiger Fixierung auf ein Nischenkonzept, das kaum noch existent ist.
    Man muss sich nicht radikal ändern und Dinge verkaufen, die man nicht vertreten _will_; man könnte aber auch sein Konzept, sein Knowhow und seine Inspiration nutzen, um Produkte zu entwickeln, die im grauen Bereich zwischen Weiß und Schwarz angesiedelt sind während sie gleichzeitig eine Marke visualisieren.

    Technisch und handwerklich top zu sein, ist in den heutigen Zeiten keine Überlebensgarantie mehr. Eine leider fehlende emotionale Kommunikationsebene zur Wertschöpfung zwischen Produkt und Käuferbewusstsein manifestiert den Preis zum alleinigen Entscheidungsgrund.

  • Hi Roland,

    ich weiß schon worauf Du hinauswillst. Klar habe ich mich kaum mit ihm beschäftigt, weil er in der Öffentlichkeit kaum wahrnehmbar ist. Aber es gibt in Deutschland auch Rahmenbauer, die wenig emotional kommunizieren bzw. fast gar nicht und trotzdem überleben. Ich mutmaße einmal, dass es eher an der Kombi aus Radgeschäft und Rahmenbau liegt, die deutlich höhere Fixkosten verursacht als “nur” eine Rahmenbauerwerkstatt zuhause. Aber eigentlich möchte ich gar nicht mutmaßen.
    Und natürlich hast du recht: ein wirklich gutes Produkt lässt sich im Grunde immer verkaufen, wenn es genügend potenzielle Käufer gibt und man alles entsprechend kommuniziert. Letztendlich bleibt es eine persönliche Entscheidung, die man respektieren sollte, selbst wenn es theoretisch Möglichkeiten gegeben hätte, alles zum Guten zu bewegen. Wenn für einen selbst der Preis zu hoch ist, sich dem Markt anzupasen, ist das eben so. Das ist zwar ziemlich schade, aber man kann das auch als Stärke interpretieren.

    Viele Grüße
    Iwo

  • Wer von Euch kennt German persönlich?
    Ich kenne Herrn Nöll & seine Kollegen nicht persönlich, German aber lange (und gut?) – ich kenne eine handvoll (Freaks?) die in den Anden, im Himalaya und in Afrika waren – ausschließlich mit seinen Rädern ..
    Mir hat er heute keinen Rahmen verkaufen können, der einzige, der gepasst hätte, war eben nur zu 90% der Richtige (Cross suuper, aber eben 53cm Oberrohrlänge, das sei mir zu kurz). Welcher andere Radhändler sieht so etwas – und auf seine Aussagen konnten wir uns bisher immer verlassen!).
    Das Problem letztendlich sind die Konsumenten & Radnutzer: Perfektion kostet Geld,
    ein Maßanzug kommt eben nicht auch China (es sei denn, man fährt selbst hin).
    Aber es muss ja das KarbonFully sein & nicht das unscheinbare Stahl (oder Titanrad) – das ist das eine Problem, das andere die Schnäppchenjäger, die Beratung in Anspruch nehmen, aber dafür nicht bezahlen … und genau darauf hat German keinen Bock – ständig einen Kunden hinterfragen zu müssen, ob er kaufen oder know-how ‘stehlen’ will. Perfekt passen, wird (seiner Meinung nach) sowieso nur das Rad von Ihm. Schade, dass wir wohl oder übel auf seine Meinung in Zukunft verzichten müssen – naja, für ein zweites Tandem hat es bei mir ja noch gereicht ;o)

  • Hallo,

    ich kann mich noch an den Anfang des Mountainbike-Sports erinnern und da war Germans Laden das Nonplusultra. Damals wurden neben den eigenen Rahmen auch nur Edelmarken vertrieben. Die Bikes waren unglaublich, die Preise aber ebenfalls. Keiner meiner Freunde hatte damals 5000 DM für ein YETI Rahmenset.
    Mit Sicherheit hat der Laden damals unglaubliche Margen erzielt.
    Also hat Germans ebenfalls von der Markt (Monopol).situation (Exklusivvertrieb einzelner Marken) profitiert und auch nicht barmherzig an die armen Kunden gedacht, die die Preise zahlen mussten.

    Dass neue Vertriebs- und Informationswege den Einzelhandel zerstören und kaputtmachen, möchte ich gar nicht bestreiten. Jedoch glaube ich, dass sich auch der Laden darauf einlassen muss und dann auch bestehen kann.

    Vielleicht ging es dem Geschäft in Zeiten ohne Internet zu gut. Andere Firmen, wie z. B. haben ja vom Internetvertrieb stark profitiert.

    Eigentlich hätte auch German alle Faktoren, um weiterhin erfolgreich zu sein.

  • @Hannes:
    dem kann ich voll zustimmen, aber es geht doch nichts über den Maßanzug jenseits des WWW, den bekomme ich nicht ohne ‘face2face’ …

    ‘Jedoch glaube ich, dass sich auch der Laden darauf einlassen muss und dann auch bestehen kann.’
    und German hat sich die Freiheit genommen, genau das nicht zu tun.

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