CNC-Action bei Kettenreaktion Bikes aus Stuttgart

Auf der EUROBIKE 2022 in Frankfurt / Main haben wir Marc getroffen. Marc ist ein äußerst ruhiger und bescheidener Zeitgenosse, der uns ein paar Einblicke in seine neue Rahmenschmiede – Kettenreaktion Bikes – gegeben hat. Kettenreaktion – das sind zwei Marcs, die einen etwas anderen Ansatz beim Rahmenbau verfolgen als fast alle anderen, die ich kenne. Aber dazu mehr im Gespräch. Viel Spaß beim Interview!

Hallo Marc, direkt zum Einstieg: wie seid ihr zum Rahmenbau gekommen?

Wir kennen uns seit ca. 1995. Damals waren wir gerade 18 und sind öfters zusammen Biken gewesen. Mit der Zeit haben wir uns wesentlich seltener gesehen. Marc Schneider hat Maschinenbau studiert und ich (Marc Gölz) war MTB-Profi im Team T-Mobile und bin um die Welt getingelt. Wir haben aber nie den Kontakt verloren und gegen 2010 wurde dann die Idee geboren selbst ein Stahlrad zu löten. Warum wir diese Idee hatten kann ich gar nicht mehr sagen. Wir fanden beide Stahl als Werkstoff spannend und konnten uns vorstellen, dass durch die neuen Techniken in der Rohrproduktion einiges besser geworden ist. Dass hat uns gereizt.

Allerdings haben wir beide unsere eigenen Firmen in diesem Zeitraum gegründet, so war erstmal nur die Idee in unseren Köpfen. 

Umgesetzt haben wir es dann erst 10 Jahre später (und das hatte nichts mit der Pandemie zu tun). ;-)  Der Moment hat einfach gepasst und wir haben uns ein paar Rohrsätze bestellt und mal probiert. Ein enormer Vorteil für uns ist, das Marc Schneider Maschinenbauingenieur ist, mit CAD (Anmerkung: Software zur 3D-Modellierung von Teilen) umgehen kann und so erstmal alles simuliert werden kann. Ich habe einiges an Erfahrung, was das Fahrverhalten angeht und so konnten wir erstmal digital testen, was wir vor hatten.

Gab es eine Art Erweckungserlebnis?

Nein, nicht wirklich. die Idee gab es wie gesagt schon lange, nun war sie reif und ist gewachsen.

Wo habt ihr gelernt, Rahmen zu bauen, wer waren eure Meister?

Learning by doing! Ich habe vor meiner Kariere als Profi-Mountainbiker eine Ausbildung zum Industriemechaniker gemacht. Dort habe ich die Grundlagen der Metallverarbeitung und unteranderem auch Löten und Schweißen gelernt. Marc Schneider hat das technische Know-How aus dem Maschinenbaustudium. Gemeinsam ergänzen wir uns ziemlich gut.

Zum Löten selbst gibt es ja nicht so viel neues. Eine alte und bewährte Technik, die man mit Fingerspitzengefühl und Erfahrung umzusetzen sollte. Das ist unserer Meinung nach das, was es braucht um gute und vor allem sichere Rahmen zu bauen: „Erfahrung!“ 

Wir haben Anfangs nur Bleche auf Stoß verlötet, um sie anschließend wieder zu zerreißen und zu schauen wir viel die Naht oder das Blech aushält. Hier haben wir einiges über den Lotfluss, die Verbindung und die Stabilität gelernt.

Du hast ja schon ein bisschen eure Werdegänge angerissen, aber dennoch nochmal die Frage: Was habt ihr gemacht, bevor ihr Rahmenbauer wurdet?

Ich war Mountainbike-Profi im Team T-Mobile Mountainbike, dass war von 2001-2004. Danach bin ich noch 2 Jahre in anderen Teams am Start gestanden. 2010 gründete ich mein eigenes Unternehmen im Trainings und Gesundheitsbereich. Leistungsorientiert Rad zu fahren habe ich mit 14 Jahren begonnen.

Marc Schneider übernahm 2012 sein Unternehmen und ist heute noch in der zerspanenden Fertigung erfolgreich. Sein Know-How verschafft uns einen enormen Pluspunkt in der Planbarkeit und Genauigkeit unserer Bikes.

Das ist eine super Überleitung: Was macht eure Rahmen so besonders?

Aus unserer Sicht ist das erste besondere an unseren Rahmen, dass wir jedes Bike einzeln anfertigen und so auf die Bedürfnisse des späteren Fahrers zu 100% eingehen können. Die Sitzposition, die Fahreigenschaften, die Reifenbreiten die möglich sind, die Anzahl der Anschraubmöglichkeiten für Flaschen und Taschen etc. Ebenfalls ist die Farbe ein wichtiges Thema. Wir lackieren das Bike nach Kundenwunsch. Sterne, Streifen, Superheldenlogos…. der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt!

Die zweite Besonderheit lautet „Regionalität.“ Wir fräsen und drehen vieles selbst. Ausfallenden, Schaltaugen, Tretlagergehäuse sowie einige Anbauteile wie der Vorbau kommen aus unserer eigenen Feder. Die Rohre beziehen wir von Columbus in Italien. Die Schaltgruppe von Campa kommt ebenfalls zum Großteil aus Italien. Laufräder, Lenker uns Sattelstütze von Beast aus Dresden, den Sattel und die Klamotten beziehen wir von EVERVE, einer Manufaktur in Albstadt, die Ihre Teile ebenfalls selbst produzieren. Alles in allem ist unser Rad ziemlich regional. Bis auf ein paar Kleinigkeiten für die wir noch keine deutsche alternative gefunden haben. Aber hier entwickelt sich gerade sehr viel und ich denke dass in Zukunft noch mehr „made in Germany“ produziert wird.

Das dritte und wichtigste Merkmal unserer Rahmen ist, dass wir unsere Rohre auf der CNC-Maschine ablängen und die Radien anpassen. Das ist extrem präzise. Dadurch haben wir einen perfekten Sitz an der Lötstelle.

Was für Fahrräder baut ihr?

Im Moment Gravel Bikes, das Rennrad steht in den Startlöchern, das MTB Hardtail ist am Reißbrett und das Trail-Fully kommt im Anschluss. 

Dann mal schauen, was uns einfällt. 

Warum hartlötet ihr und schweißt zum Beispiel eure Rahmen nicht?

Das ist eine gute Frage. Beide Verfahren haben Vor- und Nachteile. Für uns überwiegen die Vorteile des Hartlötens beim Gravel Bike und beim Rennrad. Für das MTB und das Fully sind wir uns noch nicht so sicher welche Verbindung die bessere ist. Das werden wir testen. 

Welcher ist euer Lieblingsrohrsatz und welche anderen Rohre verwendet ihr für eure Rahmen am liebsten?

im Moment nutzen wir den Life Rohrsatz von Columbus. Der hat super Eigenschaften, ist ein bisschen zäh zum bearbeiten, fährt sich aber extrem gut und ist sehr leicht.

Noch besser finde ich nur den XCR Rohrsatz, ebenfalls von Columbus. Der ist einiges teurer, aber noch leichter.

Wie sieht der typische Kaufprozess bei euch aus? Wie kommt jemand zu seinem Rahmen von euch?

  1. Erstmal lernen wir uns kennen. Wir finden heraus, was sich der Biker tatsächlich von seinem neuen Bike wünscht. Bei Bedarf bekommt der Biker ein Fitting. Da haben wir einen Partner an der Hand, der darin ein absoluter Profi ist. Mit dieser Grundlage gehen wir sicher, dass das Rad nachher wirklich passt, bequem ist und seinem Fahrer viel Freude bereitet.
  1. Dann geht es in die Konstruktion und die Geometrie wird dem Fitting-Ergebnis angepasst.
  1. Der nächste Schritt ist die Produktion.
  1. Spätestens jetzt sollte der neue Besitzer des Bikes wissen, welche Farbe und welches Muster, welche Schriftzüge und Co. er gerne auf seinem Bike verewigt haben möchte.
  1. Dann kommt der Aufbau, Sattel und Lenkerposition einstellen und los.
  1. Die Übergabe wird natürlich gefeiert. Wir machen gemeinsam eine Tour und stellen das Rad optimal ein, trinken gemeinsam einen Kaffee, oder je nach Tageszeit etwas anderes.

Was war bisher eure größte Herausforderung im Rahmenbau?

Anfangs war die größte Herausforderung unsere Rahmen Vorrichtung zu bauen. Dafür haben wir einiges an Zeit und Gedanken benötigt. Das Spannen der dünnwandigen Rohre hat auch nicht auf`s erste geklappt. Jetzt sind es eher Kleinigkeiten, wier innenverlegte Züge oder konische Steuerrohre die wir einbauen. Das klingt erstmal einfach und schaut am Rad auch unspektakulär aus, aber da steckt mehr dahinter als es den Anschein macht.

Vielen Dank für das nette Gespräch!

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