RIDE YOUR BIKE! Von Nürnberg zum Nordkap in 30 Tagen. EPISODE 12: On the road (II)

Nach Episode 10 sind wir, in unserem zweiwöchentlichen Rhythmus, nun bei Noras zwülfter Episode ihrer Reise ans Nordkap angekommen – die zweite Episode „on the road“!
Episode 11 findet ihr hier.
Eine Übersicht aller Episoden findet ihr auf Noras Blog.

RIDE YOUR BIKE! Von Nürnberg zum Nordkap in 30 Tagen. EPISODE 12: On the road (II)

Eigentlich wollte ich in dieser Episode – der zweiten Episode on the road – von den Freuden des Reisenden berichten. Wer mir in den einschlägigen sozialen Medien folgt, der findet ein Kaleidoskop an Rapsfeldern, Kirschblüten und Lächeln mit offenen Haaren im Wind.

Aber heute möchte ich von der anderen erzählen. 3.400 km in 30 Tagen. Ohne Pausentag. Straight. Durchschnittlich 110 km am Tag. Mit voller Beladung: Zelt, Kocher und allerlei Thermo-Kleidung, die sich bislang als beinahe zynisch erwies (25 Grad und schneidender Sonnenschein). Vor der Reise wurde ich gefragt, wovor ich Angst hätte – wenn ich denn überhaupt Angst hätte. Ich glaube, ich antwortete, vor der Kälte. Stunden um Stunden in der Kälte fahren, das frisst Körper und Seele. Aber insgeheim hatte ich vor etwas anderem Angst, das begreife ich jetzt.

Vor der großen Unbekannten mangelnder Erfahrung. Ich hatte nichts vergleichbar körperlich Herausforderndes jemals unternommen. Die Option des Scheiterns ist also eine durchaus realistische, theoretisch betrachtet. Praktisch existiert sie aber nicht. Die Möglichkeit, dass ich es nicht schaffe, ist als Konzept in meinem Kopf schlicht nicht angelegt. Und was nicht existiert, kann nicht eintreten. So weit, so gut.

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Die Möglichkeit des Scheiterns existiert nicht. Auch nicht in den schwersten Augenblicken.

Die Strecke Nürnberg-Rostock, fast 700 km, in 6 Tagen. Das war der erste Streich. Über den Thüringer Wald und den Südharz und endlose Windmühlenflächen. Jeder Tag wartet mit seinem ganz eigenen Feind. Hier ist es einmal der konstante Gegenwind, der mich sogar bergab zum treten zwingt. Im Thüringer Wald sind es grobe, kilometerlange Schotterpisten, in denen mein schweres Rad erst schlingert, dann schließlich einsinkt, so dass ich es auf die Gipfel wuchten muss, bis mir die Arme zittern. Und das mit einem relativ frisch operierten Handgelenk.
An Tag 4 beginnt mein rechtes Knie zu schmerzen, dann die Ferse. Ich stelle den Sattel hoch, wieder runter. Probiere herum. Es wird besser. Aber zu spät, der Schmerz hat sich festgesetzt. Seit Tag 4 humpele ich. So ist das eben.

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Häßliches am Wegesrand. Die Nachtseiten.

Angekommen in Rostock nehme ich gleich die Fähre um 22 Uhr. Um 6 Uhr früh am darauffolgenden Tag erreiche ich Trelleborg.
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Ich steige aus. Und fahre direkt weiter. Ich mache keine Pause. Im Schnitt sitze ich 8 Stunden am Tag auf dem Rad. Manchmal nur sieben, einmal waren es 11 Uhr. Meinen Rücken schmerzt, das Stechen beißt sich weiter ins Knie und die Sonne lässt meine Lippen blutig aufspringen. Die Straßen in Schweden ziehen sich bergauf, bergab durch endlosen Wald. Schneisen, in das wilde Grün geschlagen. Es gibt keinen Schatten. Die Nächte sind dafür umso kälter.
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Tag 9 auf der Straße. Warum mache ich das? Es gibt vielleicht keine zufriedenstellende Antwort. Keine zumindest, die strenggenommen „Sinn macht“. Ich kriege kein Geld dafür. Maximal eine Entzündung im Knie und einen ernstzunehmenden Sonnenbrand. Es macht keinen Sinn.
Und vielleicht ist es genau das. Das System, in dem wir uns befinden, arbeitet streng effizient. Das bedeutet, das ökonomisch Relevante ist primär sinnhaft und die Sinnhaftigkeit als Maß aller Dinge wird entsprechend evaluiert. Nur in eine Richtung mit dem Rad zu fahren ist ganz und gar nicht sinnhaft in diesem System. Ich falle in dem Moment aus dem Arbeitsmarkt heraus und stehe dem System nicht mehr zur Verfügung und füttere es noch nicht einmal durch überhöhten Konsum, wie es als guter Bürger im „Urlaub“ doch meine Pflicht wäre.
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Ich fahre, weil es keinen Sinn macht. Obwohl es wehtut. Oder vielleicht genau deswegen. Ich fahre in eine Richtung, immer weiter nach Norden in die Wildnis…einfach so. Und etwas geschieht nun. Ich ertappe mich, wie ich in den Himmel über mir starre, wie ich laut singe und manchmal, meistens bergab, aus vollem Hals schreie. Weil ich kann. Ich erwische mich, dass mir die Zeit einerlei wird, dass ich in den Wind rieche und mich ab und an in die Böschung lege. Einfach, weil ich kann. Ich entferne mich, mit jeder Stunde unter freiem Himmel, von der Logik eines routinierten Leistungssystems, das Sinnhaftigkeit zu seinen Gunsten umgedeutet hat. Ich finde einen anderen Sinn. Andere SinnE. Jeder Tag ist schön und hässlich, beflügelnd und erschöpfend, gesellig und schrecklich einsam. Alles ist und nichts zugleich.

Und ich fahre weiter.

Immer nach Norden.

Und in der nächsten Episode:

EPISODE 13: On the road – Part III


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Bilder: Nora Beyer
Text: Nora Beyer / André Joffroy


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