Melone aus Stahl für Hügel aus Lehm: Pumptrack-Bike „Gallagher“

Der heutige Beitrag ist ein Gastbeitrag, von Fabian Baum, der schon länger um die „Melone aus Stahl“ schlich.  Aus purer Neugierde hat er mal den Hintergrund zu selbigem in Form eines Interviews recherchiert hat. Guten Appetit!

Es gibt Custom-Bikes, die sich auf den ersten Blick gar nicht als solche zu erkennen geben und es gibt Custom-Bikes, bei denen einem die Individualität förmlich ins Auge springt. Das Pumptrack-Bike „Gallagher“, gebaut von Altruiste Bikes, gehört definitiv zur zweiten Kategorie und genau dieses Bike möchten wir euch hier etwas näher vorstellen. Also haben wir mit dem Mann hinter der Melone Kontakt aufgenommen und gefragt, ob er nicht Lust habe, uns etwas mehr über sein nicht ganz alltägliches Rad zu erzählen. Und Ricky Muehl, Besitzer des Bikes und beim US-amerikanischen Komponentenhersteller Industry Nine für die Qualitätskontrolle zuständig, hatte Lust. Richtig viel Lust sogar! Ricky sprach mit uns ausführlich über das Design, die Herausforderungen bei der Umsetzung, seine Einstellung zum Rahmenmaterial Stahl im Allgemeinen.

Hi Ricky, zuallererst einmal ein Riesendankeschön dafür, dass du dir die Zeit genommen hast, dein alles andere als alltägliches Bike hier näher vorzustellen.

Sehr, sehr gerne! Von dem Moment, in dem du mich gefragt hattest, ob ich Bock auf ein Feature im Stahlrahmen-Blog hätte, war ich sofort Feuer und Flamme!

Na, dann lass uns doch gleich mal loslegen und mit der wohl offensichtlichsten Frage anfangen: Wie bist du auf die Idee mit dem Wassermelonen-Design gekommen?

Ursprünglich geisterten mir für das Design einige andere Ideen im Kopf herum. Zwei davon habe ich Gabe (Gabriel Long, Inhaber von Altruiste Bikes) schließlich per Email präsentiert – die eine war eine Perleffektlackierung mit einem Regenbogen aus Ahornblättern, die andere ein Rasta Fade Paintjob. Über das darauffolgende Wochenende muss in mir die Erkenntnis gereift sein, dass ich bisher noch nie Pink als Hauptfarbe an einem meiner Bikes oder Laufradsätze verwendet hatte. Das galt auch für Lime und ich dachte mir, dass sich diese beiden Farben bestimmt gut ergänzen würden. Nachdem ich bei Ebay ein wenig nach Vintage Mountainbikes recherchiert hatte, sah ich meine Theorie durch ein paar coole Bikes von Klein bestätigt. Am Montag schickte ich Gabe also eine weitere Email, in der ich ihm die Wassermelonen-Idee vorstellte und an die ich einige Fotos von Kleins anhängte. Je mehr ich mich mit dieser Farbkombination beschäftigte, umso mehr reizte mich der Gedanke, das Bike so sehr wie eine Wassermelone aussehen zu lassen wie nur eben möglich – schließlich sollte es ein Fatbike werden und Wassermelonen sind ja auch schön rund. Also schlug ich vor, kleine Kerne auf den pinken Lack zu malen. Der Lackierer, den ich nur unter dem Namen „Rambo“ kenne, hat dann diese umwerfende Fade-Lackierung gezaubert und Kerne eingebaut, die einen Mix aus winzigen Altruiste Krallen und Industry Nine Logos darstellen. Das ist die ausführliche Version der Geschichte…die kurze lautet: Ich finde Wassermelonen einfach unheimlich lecker!

 

Da bist du nicht allein! Kommen wir vom Design zum Bau des Rahmens: Welche Herausforderungen gingen damit einher?

Es gab einige Kleinigkeiten, bei denen Gabe und ich die Köpfe zusammenstecken mussten. Mein Wunsch war es, für mein Bike möglichst viele Elemente seines Partymaster Dirtjump-Rahmens zu übernehmen. Im Prinzip sollte es ein Partymaster werden, nur eben für fette Reifen und Gangschaltung. Eine Schlüsselstelle waren die Kettenstreben und ihr Zusammenspiel mit der Kurbel und den Reifen: Hier war das Ziel, trotz maximaler „Tukt-ability“ noch ausreichend Platz für die Kurbel zu haben. Dieses Ziel hat Gabe definitiv erreicht, in den Hinterbau passt sogar ein 5“ breiter Reifen! Zeit war außerdem ein kritischer Faktor, denn das Bike musste rechtzeitig zur NAHBS (North American Handmade Bicycle Show) fertig werden. Und weil das alles noch nicht genug Aufwand war, machte ich mich daran, eine Singlespeed Fatbike-Nabe zu basteln – warum auch nicht? Schließlich ist so eine Nabe nicht auf dem Markt erhältlich und somit hatte ich ein weiteres Detail, dass das Bike von der Masse abhebt.

Das klingt ganz schön stressig! Hat am Ende denn alles geklappt?

Ja, soviel kann ich jetzt schon verraten. Aber es war wirklich knapp und auch ein bisschen verrückt. Um die Singlespeed Fatbike-Nabe für den 177 mm breiten Hinterbau zu basteln, benötigte ich das Nabengehäuse der 190 mm Version. Um dieses mit dem Singlespeed Freilaufkörper kompatibel zu machen, musste ich die Achse etwas modifizieren. Allerdings war die Nabe trotzdem noch etwas zu breit für den Hinterbau, also kürzte ich die Endkappen noch ein wenig, um die Einbaubreite der Nabe auf 177 mm zu bekommen. Eine weitere Herausforderung war der Yoke, für den Gabe diese supergeilen Profile anfertigte. Sie sind stabil, bieten Reifenfreiheit im Überfluss und haben außerdem diese wunderschöne Ausfräsung auf der Außenseite. Mit der Kurbel hatte ich in zweierlei Hinsicht ziemliches Glück: Zum einen passt die M30 Kurbel von White Industries optisch perfekt zu meinem Bike, zum anderen bin ich an eine der wenigen Fatbike-Achsen gekommen, die es für die Kurbel gab. Der endgültige Zusammenbau des Bikes war dann absolut crazy: Eines von Gabes anderen Bikes wurde nicht rechtzeitig für die Show fertig und auch meinem Bike fehlte noch der letzte Schliff, für zwei andere Bikes half ich Gabe mit Laufrädern aus. Auf dem Weg zur NAHBS wurde er außerdem so lange an der Grenze aufgehalten, dass er fast einen ganzen Tag verlor, der ihm nun natürlich für den Aufbau seines Messestands fehlte. Zudem musste Gabe noch das Steuerrohr und das Innenlager meines Bikes planschleifen sowie ein weiteres Bike komplett aufbauen. Aber zusammen mit einigen fleißigen Helfern ist es ihm schließlich doch gelungen, pünktlich zur Eröffnung der Show startklar zu sein.

Kommen wir auf Gabe zu sprechen: Warum hast du dich ausgerechnet für ihn als Rahmenbauer entschieden?

Das ergab sich aufgrund meines anderes Custom Bikes aus Stahl, einem Fatbike von Wilco. Für dieses Bike hatte ich mir einen zweiten Laufradsatz mit Slicks zugelegt, um es auf unserem firmeneigenen Pumptrack zu fahren. Leider schlug ich dann mit dem Vorderrad dermaßen hart in einen Double ein, dass das Bike einen großen Riss an der Verbindung von Steuer- und Unterrohr davontrug und das untere Steuersatzlager ebenfalls dran glauben musste. Damit war mein Trailbike im Eimer und Will (Will Neide, Inhaber von Wilco Cycleworks) steckte mitten im Umzug in einen anderen Bundesstaat. Somit war eine Reparatur erst einmal nicht möglich und ich entschied mich, mir ein Bike speziell für den Pumptrack zuzulegen. Ich hätte mir wirklich gewünscht, mit Will ein weiteres Projekt anzugehen, aber er war zu dieser Zeit leider extrem eingespannt. Wie es der Zufall wollte, hatte Gabe uns etwa zeitgleich wegen ein paar Laufrädern für sein Bike kontaktiert und so ergab sich die Gelegenheit, mich mit ihm über den Bau eines Bikes auszutauschen. Einige meiner Kollegen und viele der Jungs von „The Rise“, die wir sponsern, sind mit seinem Partymaster Rahmen unterwegs. Somit stand die Basis für mein zukünftiges Bike fest und ab diesem Zeitpunkt begann das Ganze dann eigentlich auch schon zu eskalieren – im allerbesten Sinne.

Ja, das Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen! Was gefällt dir denn am besten an deinem Bike?

Oh Mann, da gibt es so viele Dinge! Das Fahrgefühl, die Verbindung von Sitz- und Kettenstrebe am Sitzrohr und am Tretlagergehäuse oder dieses coole Gusset im Frontbereich das Bikes, das vielen Leuten gar nicht auffallen dürfte. Außerdem kann ich von den verschiedenen, ineinander übergehenden Eloxalfarben einfach nicht genug bekommen und mich an den Teilen von Paul Components, Industry Nine und White Industries einfach nicht satt sehen. Und dann noch diese Lenker-/Vorbau-Kombination, die Burnsey (Sean Burns) von Oddity Cycles in Rekordzeit gebrutzelt hat. Im Grunde liebe ich wirklich alles an diesem Bike und ich liebe auch die Reaktionen der Leute, wenn sie das Bike an sich oder mich damit fahren sehen!

Nachdem wir gerade über dein Bike im Speziellen gesprochen haben: Was fasziniert dich an Stahl als Rahmenmaterial im Allgemeinen?

Nun, zunächst wäre da natürlich der Kostenfaktor, denn der Preis spielt irgendwie immer eine entscheidende Rolle. Außerdem ermöglicht Stahl eine sehr große Flexibilität beim Design und in Bezug auf die Verarbeitung. Weitere Pluspunkte sind für mich die Reparierbarkeit und das Fahrgefühl. Ich persönlich finde, dass sich Stahl steif und effizient, gleichzeitig aber auch sehr komfortabel anfühlen kann. Es ergeben sich einfach mehr und auch andere Möglichkeiten als mit Aluminium.

Gab es einen bestimmten Moment oder eine Erfahrung, die dich zum Stahl gebracht hat?

Vintage Mountain- und Crossbikes fand ich schon immer sehr cool. Ein Bike aus Stahl hat irgendwie immer das gewisse Etwas, das mich anzieht und das es von Bikes aus Alu oder Carbon unterscheidet. Mein erstes Bike aus Stahl war ein Ritchey Ascent von 1986, das ich größtenteils mit Teilen aus dieser Zeit aufgebaut habe. Allerdings war dies nicht der Anfang meiner Bike-Karriere, denn zu Beginn bin ich hauptsächlich Rennen gefahren und schwörte während dieser Zeit auf Aluminium. Das Ritchey erleuchtete mich dann gewissermaßen und brachte mir die schlichte Schönheit eines starren Mountainbikes aus Stahl näher. Jedes Mal, wenn ich damit unterwegs war, fühlte ich mich in eine andere Zeit versetzt. Kein Wunder, denn damals war ich hauptsächlich auf einem vollgefederten 29er unterwegs, somit bedeutete das Ritchey für mich einen großen Schritt zurück. Leider habe ich das Bike nicht mehr und ich hätte es wahnsinnig gern zurück, deswegen bin ich ständig auf der Suche nach einem Exemplar. Das Ritchey ist auch der Grund dafür, dass ich ein großer Fan von Bullmoose Lenkern, Daumenschalthebeln und ungefederten Bikes geworden bin. Diese Dinge geben mir dieses einzigartige Gefühl, nach dem ich suche und mit dem ich speziell hier auf den Trails im Pisgah National Forest ziemlich alleine sein dürfte. Die großen, dicken Reifen und die Geometrie meiner Fatbikes sorgen für die Fahreigenschaften, die sie diese Bikes modern wirken lassen und die jede Ausfahrt mit ihnen unglaublich spaßig und unvergesslich machen.

Kannst du dir vorstellen, eines Tages selbst einen Rahmen zu bauen?

Vorstellen? Definitiv! Aber realistisch betrachtet werde ich wohl kaum die Zeit haben, dieses Handwerk zu erlernen. Ein dreijähriges Kind brauch nun einmal unglaublich viel Aufmerksamkeit. Mit dem Laufradbau läuft es ganz gut, ein gewisses Talent ist also vorhanden. Je länger ich darüber nachdenken: Ja, ich würde wirklich gerne eines Tages ein Bike bauen und außerdem soll man ja auch niemals nie sagen…

Auf das Ergebnis wäre ich auf jeden Fall sehr gespannt! Vielen, vielen Dank für deine Zeit und die Einblicke, die du uns gewährt hast! Abschließend nur noch eine letzte Frage: Warum trägt das Bike den Namen „Gallagher“?

Haha, ich wusste, dass diese Frage noch kommt. Gallagher ist der Name eines Comedians, dessen Shows ich mir sehr gerne angeschaut habe und der bekannt dafür war, auf der Bühne mit einem riesigen Hammer Wassermelonen zu zerschmettern. Daran musste ich irgendwie denken, als ich das Bike designt habe und fand es quasi perfekt.

Vielen Dank für diesen tollen Beitrag an Fabian, der uns auch letztens mit der Legende vom Dorfschmied Material zur Verfügung gestellt hat!

 


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

51 + = 54